Berner Spurensuche zum Thema Hoffnung

«Liebe Kitty!

Zwischen Sonntagmorgen und jetzt scheinen Jahre zu liegen. Es ist so viel geschehen, als hätte sich plötzlich die Welt umgedreht. Aber, Kitty, du merkst, dass ich noch lebe, und das ist die Hauptsache, sagt Vater. Ja, in der Tat, ich lebe noch, aber frage nicht, wo und wie. Ich denke, dass du mich heute überhaupt nicht verstehst, deshalb werde ich einfach anfangen dir zu erzählen, was am Sonntag geschehen ist.

Um 3 Uhr klingelte jemand an der Tür. Ich hatte es nicht gehört, da ich faul in einem Liegestuhl auf der Veranda in der Sonne lag und las. Kurz darauf erschien Margot ganz aufgeregt an der Küchentür. «Für Vater ist ein Aufruf von der SS gekommen», flüsterte sie.»

Das schreibt Anne Frank am 8. Juli 1942 in ihr Tagebuch. Es ist der Tag, an welchem sich die Familie Frank für zwei Jahre versteckt. Im August 1944 werden die Bewohner: innen des Hinterhauses in ihrem Versteck entdeckt, verhaftet und deportiert. Anne und ihre Schwester Margot sterben Ende Februar 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Sie ist fünfzehn Jahre alt.

Liebe Anwesende
Liebe Gäste

Hoffnung ist schon fast ein provokantes Thema, welches uns die Christkatholische Kirche hier zumutet. Ist die Gesellschaft, sind wir heute nicht viel zu erschöpft, um zu hoffen? Müde blicken wir auf die vielen Krisen unserer Zeit: Die Corona-Pandemie und die Klimaerwärmung, der Krieg in der Ukraine und der Krieg in Nahost. Steuern wir nicht direkt in die Katastrophe?

Ich danke für die Einladung. Ich habe mir ernsthaft Gedanken gemacht über den Platz der Hoffnung in unserer Zeit, und für mich. Hoffnung hatte sofort etwas in mir ausgelöst. Bei den Bibelzitaten tat ich mich schwerer. Ich habe sie mehrfach gelesen und versucht, einen Zugang zu finden. Zuerst gelang es nicht.

Dann habe ich mich an einen Moment erinnert, an den gläubigsten Menschen, den ich kannte. Sie hat mir die Augen geöffnet, was der Wert der Religion ist.

Es war meine Grossmutter, die mir das einfach gezeigt hat. Meine Grossmutter hat ihr Leben lang im Binntal, einem abgelegenen, wunderschönen Tal im Wallis gelebt. Es war ein einfaches, hartes Leben. Sie hat 8 Kinder bekommen. Als Jugendliche wollte ich sie verstehen. Ich habe sie auf einem Spaziergang gefragt: Grossmüeter, wusstest du, als du schwanger warst, wie eine Geburt verläuft? Was da passiert? Nein, hat sie mir erklärt. Weil ihre eigene Mutter früh gestorben ist, habe ihr das nie jemand erklärt, und sie wusste gar nichts. Das hat mich etwas schockiert. Ich habe gefragt, ob sie nicht Angst gehabt habe? Sie lachte auf ihre eigene versonnene Art. Nein, meinte sie. Ich sah ja im Dorf, das viele Kinder auf die Welt gekommen waren. Ich dachte mir, dass ich das wohl auch könne. Und ich hoffte, dass Gott für den Rest sorgen würde.

Da wurde mir bewusst, wie wichtig der Glaube sein kann, um Sicherheit und Trost zu finden. Weil es sonst niemand anderes gemacht hat. Ich weiss, dass dies heute für viele Menschen auf der Welt der Fall ist. Das respektiere ich sehr.

An meine Grossmutter erinnernd habe ich die Zitate nochmals genau gelesen. Und da habe ich eines verstanden.

Apostelgeschichte 2,26-28

26 Darum freut sich mein Herz, und meine Zunge jubelt, mein ganzer Leib wird ruhen am Ort der Hoffnung.
27 Denn du wirst meine Seele nicht der Unterwelt überlassen noch deinen Heiligen Verwesung schauen lassen.
28 Du hast mir kundgetan Wege des Lebens, du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht.

Der Glaube hilft, im Alltag, der vielleicht sehr schwer ist, die Hoffnung nicht zu verlieren. Diese Hoffnung hilft, durchzuhalten, auszuhalten, Schweres zu ertragen oder es zu erleichtern. Der Tod rückt hier als Erlösung ins Zentrum, als grosse Hoffnung. Der Glaube sagt: Auch wenn es schlimm wird, auch wenn es schwer wird, du wirst Licht am Ende des Tunnels sehen, du wirst nach deinem Tod erlöst werden von deinen Qualen.

Ich weiss, dass für sehr viele Menschen dank dieser Hoffnung das Leben erträglicher wird. Das sie viel Trost in diesen Worten finden. Das hoffen auf ein Aufgehen im Grossen und Ganzen, einen Platz zu haben nahe bei Gott.

Hoffnung als Stärkung für den Alltag, im Wissen, dass es nach dem Tod einen Platz nahe bei Gott gibt.

Als Politikerin und Gemeindepräsidentin ist meine Hoffnung eine politische, sie richtet sich auf das Diesseits. Auf das Leben und den Wert, den alle Menschen haben. Ich hoffe unerschütterlich, dass alle Menschen friedlich zusammenleben können. Dass es für alle ein gutes Leben geben kann. Das wir aktiv etwas gegen Unrecht und Leid unternehmen können und es nicht erdulden müssen.

Diese Hoffnung in mir selbst habe ich als Jugendliche entdeckt. Damals war der zweite Weltkrieg plötzlich wieder gegenwärtig. Spät hatte die Schweiz mit dem Beriger-Bericht ihre Rolle im zweiten Weltkrieg aufgearbeitet. Die Heftigkeit, mit der die Kinder auf dem Pausenplatz diskutiert haben, hat mich beschäftigt. Ich wollte verstehen, was geschehen war, und wieso es auch viele Jahrzehnte später noch so viele Kontroversen um den zweiten Weltkrieg und den Holocaust gab und gibt. Ich habe viel gelesen. Auch das Tagebuch der Anne Frank.

Anne Frank hat am gleichen Tag Geburtstag wie ich. Das hat für mich den ganzen Schrecken real gemacht. Sie war wie ich. Sie war einfach ein Kind. Sie schreibt über den Krieg, die Verfolgung, das Verstecken, ihren Alltag, ihr Teenagerleben. Und sie schreibt trotz allem auch über die Hoffnung: «Ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass dies alles sich wieder zum Guten wenden wird.»

Als Jugendliche habe ich verstanden: Nicht den Täter:innen sollte meine Aufmerksamkeit gehören, sondern Anne Frank. Obwohl wir durch die Zeit und die Umstände getrennt waren, konnte ich sie verstehen. Ich konnte ihre Gefühle und ihr Fühlen nachvollziehen, ihre Lebenslust und ihre Kraft spüren. Sie war sich ihrer Verletzlichkeit bewusst, und hatte trotzdem Hoffnung.

Denn wer keine Hoffnung mehr hat, gibt auf, akzeptiert die Umstände, unterwirft sich der Situation. Hoffnung alleine verändert zwar die Welt noch nicht. Doch ohne Hoffnung ist es nicht möglich, etwas zu ändern.

Hoffnung bedeutet nicht, sicher zu sein, dass alles gut wird. Es bedeutet gerade in unsicheren, schweren Situationen, in denen wir unserer eigenen Verletzlichkeit bewusst sind, an einen guten Ausgang zu glauben. Einen guten Ausgang, der uns Kraft gibt, zu dazu bei zu tragen dass er eintrifft.

Ich wünsche uns allen die Kraft, zu hoffen. Und die Menschlichkeit, die Welt zu verändern.

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